Liebe Foris!
Ich bin beim Stöbern durchs Netz auf einen im Standard zitierten Text von Burkhard Müller gestoßen, der zwar recht lange ist, aber vielleicht wert, durchgelesen zu werden.
Quelle:
http://www.eurozine.com/articles/2007-01-31-bmuller-de.htmlDer Autor geht der Frage nach, warum der Mensch überhaupt einen Gott will bzw. braucht, welche Bedürfnisse damit abgedeckt werden.
Und kommt (natürlich) zu dem Schluss, dass dieselben Bedürfnisse genauso schlecht durch keinen Gott abgedeckt werden würden. Es sind drei Grundbedürfnisse:
1.) Das Bedürfnis nach einer Erklärung der Welt, des Ursprungs
2.) Das Bedürfnis nach Ethik
3.) Das Bedürfnis nach ewigem Leben
Hier ein paar Zitate:
Gott wird geglaubt, weil sich mit diesem Glauben die Erwartung verbindet, einen bestimmten Wunsch erfüllt, ein bestimmtes Problem gelöst zu bekommen. Was sind das für Bedürfnisse, und wie vermag Gott ihnen zu entsprechen?
Die Welt schreit nach einer Begründung und Erklärung. Denkt man jedoch darüber nach, wird man feststellen, daß diese Sehnsucht auf eine ganz grundsätzliche Weise unstillbar bleiben muß; denn begründen, erklären heißt ja nichts anderes, als zwei Fakten miteinander in Beziehung zu setzen, das eine als Folge, das andere als dessen Voraussetzung.
Gott erklärt nichts; er erklärt weniger als nichts, da seine Annahme größere Probleme mit sich bringt, als wenn man gar nichts annähme.
Betrachten wir, zweitens, Gott als den Grund des Guten. Das heißt zunächst einmal, daß er der Garant der Ethik wäre
Eine Ethik, die sich durchs Gericht beglaubigt, ist praktikabel, aber als Ethik wertlos. Mit nur geringer Überspitzung ließe sich sagen: Eine Affenmutter, die ein fremdes Affenkind adoptiert (was gar nicht so selten vorkommt), handelt, da sie in ihrem Hirn für das Konzept eines richtenden Gottes keinen Platz hat, ethisch wertvoller als ein Gläubiger, der das Gute Gottes wegen tut.
Albert Camus hat das Problem in den knappen Satz gefaßt: Entweder ist Gott gut, dann ist er nicht allmächtig; oder aber er ist allmächtig, dann ist er nicht gut.
Dies ist jedenfalls nicht der Gott, den das Christentum voraussetzt; sein Gott ist die Liebe. Damit stellt sich die Schwierigkeit ein, daß es auf der Welt so unübersehbar viel Haß gibt. Wie konnte Gott Auschwitz zulassen? Darauf wird es keine Antwort geben, bei der Gott als solcher, als Gott, ungeschoren davonkäme. Auf Gottes unerforschlichen Ratschluß sollte man sich da freilich nicht hinausreden; an diesem Ratschluß, wenn es denn der Gottes wäre, mag alles dunkel sein – kristallklar tritt daran doch die Tatsache hervor, daß Gott, der seinen Geschöpfen solches hat widerfahren lassen, sie nicht geliebt haben kann.
Alte Paradiesesvorstellungen malen sich gern aus, wie in der erlösten Welt der Löwe friedlich neben dem Lamm liegen wird. Das mag ein Ideal der Lämmer sein; der Löwe aber muß dabei zugrunde gehen, da er, anders als das Lamm, Grünfutter, das es im Paradies ausschließlich gibt, nicht verträgt. Um Abstand davon zu nehmen, Lämmer zu fressen, müßte er aufhören, ein Löwe zu sein. Löwen sind aufs Grundsätzlichste nicht erlösungsfähig. Sind Menschen es? Unsere anatomische Ausstattung, unser Allesfressergebiß spricht dagegen, noch bevor wir beginnen, uns als ethisch-historische Wesen mit den dazugehörigen phantasievollen Spezialgreueln zu definieren.
Wir existieren nur in der Zeit – und gerade durch sie existieren wir nicht. Am besten wäre es da vielleicht, wenn wir, wie die Tiere, einfach vergäßen, um wenigstens unsere Gegenwart zu verewigen.
Zeit rinnt dahin, sie fließt uns entgegen, passiert uns, fließt davon. Wo aber wären die vielen Tropfen dieses Rinnsals aufgehoben? Denn irgendwo müssen sie ja stecken! Die Zeit, die auch als vergangene noch wirklich wäre: Hier eben kommt Gott ins Spiel als die große Zisterne der Geschichte.
Im Unterschied zu den beiden anderen Punkten muß man hier sagen, daß Gott, wenn es ihn gäbe, dieses letzte Bedürfnis tatsächlich befriedigen würde. Doch welches Unterpfand hätten wir dafür, daß es so ist? Denn man hüte sich, von der Stärke des eigenen Wunsches auf eine entsprechende Wahrheit zu schließen.
Ich hab mir das für mich selbst mal überlegt. Pkt. 1 und 2 - da gehe ich konform mit dem Schreiber - Gott erklärt (für mich) nicht die Welt und Gott ist (für mich) auch nicht die Ethik - aber bei Pkt. 3.....

Er schreibt zwar: Man hüte sich vor der Stärke des eigenen Wunsches auf die entsprechende Wahrheit zu schließen - aber da hat er mich erwischt. Das ewige Leben....das ist schon so ein Grund für mich, an "etwas" zu glauben (etwas im Sinne von Allem, Wissenschaft, Religion, Metaphysik, egal) - wobei die Betonung hier ja eindeutig auf GLAUBEN liegt. *erwischt*
Wie seht Ihr das?
Grübelnde Grüße
Spirit